Fuenf Monate Weltkrieg

Text

Fünf Monate Weltkrieg.

 

Fünf volle Monate sind es nun, daß der blutigste Krieg aller Zeiten durch Europa tobt. Diese fünf Monate, in denen ein millionenfaches Weh ausgesät wurde, wird von dem lebenden Geschlecht niemand vergessen; die Wunde dieses Weltkrieges wird die europäische Menschheit durch Generationen tragen. Mögen verlogene Aestheten und heuchlerische Schönfärber noch so laut und so eifrig von dem Segen des Krieges sprechen: wir sehen nur das unermeßliche Heer der Männer und Frauen vor uns, die um ihre Gatten und Söhne gekommen sind, die Schar der Kinder, die ihren Vater und Ernährer verloren haben. Wir sehen Erde und Gewässer sich röten vom Blute der Verwundeten und Toten, und wir erschauern in Schmerz, da wir an all das Leid, an die schreckensvolle Not denken, die aus dem Kriege aller gegen alle hervorgehen wird. Man kann den Krieg nur als die unerbittliche Notwendigkeit ertragen, die ein unweises und ungütiges Geschick der lebenden Menschheit auferlegt hat; aber ihn, wie es die Entarteten tun, die ihn als Art eines seltenen und seltsamen Naturschauspiels genießen möchten, als Heil und Segen preisen, das kann nur als Lästerung am Menschengeschlecht empfunden werden.

 

In allen kriegführenden Staaten stehen die Menschen so ganz im Banne des Krieges, daß sich der Gedanke, wie lange die Brandfackel durch Europa noch rasen werde, wenngleich ihn im Innern wohl jeder fühlen wird, als Frage gar nicht äußern kann. Aber obwohl wir alle entschlossen sind, die Schicksalsfü[n]gung – denn wir nennen es wohl mit Recht ein Schicksal, w[as] zu wenden außerhalb des Bereiches unserer Macht und Kraft lag – durchzuhalt[e]n und zu überstehen, so sind wir doch alle der tiefen Sehnsucht voll, daß der furchtbare Druck des Krieges in absehbarer Zeit gelöst und den europäischen Völkern ein Friede beschieden werden möge, der in sich die Bürgschaft der Dauer trägt und aus dem sich die Entwicklung durchdringen wird, die den größten Krieg der Menschheit zu ihrem letzten macht; daß sich ein gesellschaftlicher Zustand, dessen triebkräftige Keime wir ja überall wahrnehmen, bilde und verfestige, innerhalb dessen sich die Nationen in friedlich-kulturellem Wettbewerb reihen und ihre Konflikte sich auflösen in einer höheren und reineren Einheit des gesamten Menschengeschlechts. Im letzten Sinne beruht die Tatsache, daß die menschliche Gesellschaft unter den Schrecken des Krieges nicht zusammenbricht, daß sie ihn überall mit bewunderungswürdiger Ausdauer, mit einem Heldenmut ohnegleichen erträgt, körperlich und seelisch überwindet: diese erstaunliche Widerstandsfähigkeit, die über alle Vorstellungen hinausgeht, beruht darauf, daß es in jedem Herzen eingeprägt und eingegraben ist, der Weltkrieg, in dem sich alles Böse der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gleichsam entladen hat, könne nur der letzte sein, müsse es sein – denn ohne diese Gewißheit, für alle kommenden Geschlechter zu bluten, könnten wir diese Last ja gar nicht ertragen. Aus dieser uns aufrichtenden Hoffnung ist die Titanenkraft erwachsen, die Europas Nationen in dem gewaltigsten Ringen, das das Geschlecht der Menschen je erschaut, offenbart haben.

 

Und so stehen wir Sozialdemokraten aufrecht und ungebeugt da: ungebeugt, weil wir dem Lichte folgen, das aus der Wirrnis unserer Tage in eine hellere Zukunft weist. Wir glauben trotz allem an jenes Reich, „das den Frieden sucht der Erde“ und das der tiefe, ernste Konrad Ferdinand Meyer prophetisch ankündigt:

 

                        Mählich wird es sich gestalten,

                        seines heil’gen Amtes walten,

                        Waffen schmieden ohne Fährde,

                        Flammenschwerter für das Recht,

                        und ein königlich Geschlecht

                        wird erblühn mit starken Söhnen,

                        dessen helle Tuben dröhnen:

                        Friede, Friede auf der Erde!

 

 

Source

Weimarische Volkszeitung. Organ zur Wahrung der Interessen des gesamten werktätigen Volkes, 10. Jahrgang, Nr. 1, Sonnabend, 2. Januar 1915, [titlepage]

 

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Citation

Anon., “Fuenf Monate Weltkrieg,” War in other words, accessed November 17, 2018, http://warinotherwords.exeter.ac.uk/items/show/42.

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